exposé_beschreibung
March 3rd, 2010Zucker und Bitterstoff. Zauber und Verderben. Schmerz und absolutes Verlangen. Märchen und nüchterne Realität. All das wird vereint in dem träumerischen Wort “Sehnsucht”. Das innige Bedürfnis nach einer Person, Dingen, Ereignissen oder Erfahrungen. Das bittere Gefühl, den Gegenstand der Begierde vielleicht nicht erreichen zu können. Von ruheloser Sehnsucht und unerfüllter Hoffnung getrieben, flüchtet man sich entweder in die Zukunft, die Vergangenheit oder an fremde Orte. Meist geht es bei der Sehnsucht um die großen Grundmotive menschlichen Lebens.
Das eigene Leben ist oft zu banal, um der Sehnsucht nach großer Liebe, intensiven Erlebnissen, zeitlosem Glück und dauerhaftem Frieden gerecht zu werden.Man sehnt sich immer nach etwas, es fehlt immer etwas zum absoluten Glück. Es lassen sich unendlich viele Wünsche träumen, allerdings nur endliche Wünsche verwirklichen. Das quälende Bewusstsein, wenn man spürt, dass es für so manchen Wunsch oftmals schon zu spät ist. Was ist Reue? Wenn die Dinge schwerer wiegen, die man nicht gemacht hat, als jene, die man falsch gemacht hat. Wenn die offene Wunde verpasster Lebenschancen klafft. Wie gross ist die Glückseligkeit auf sein Leben zurückzublicken und froh sein zu können, dass man ist, wer man war?
Menschen sehnen sich nach einer idealen Partnerschaft, nach der “heilen Familie”. Sie sehnen sich nach herausragenden Persönlichkeitsmerkmalen, nach Erfolg im Berufsleben, nach Freundschaft, Gesundheit oder generell mehr Lebensqualität. Mit steigendem Bildungsstand erhöht sich auch das Verlangen nach Vervollkommnung der eigenen Persönlichkeit.
“Nur wer die Sehnsucht kennt, weiß, was ich leide! Allein und abgetrennt von aller Freude, seh ich ans Firmament nach jener Seite. Ach! Der mich liebt und kennt, ist in der Weite. Es schwindelt mir, es brennt in mein Eingeweide. Nur wer die Sehnsucht kennt, weiß, was ich leide!”. Mit diesen Worten umschreibt Johann Wolfgang von Goethe das unglaubliche Bedürfnis des Menschen nach der in weiter Ferne liegenden großen Liebe. Das unglaubliche Verlangen nach Geborgenheit und Zuhause sein. Der innige Wunsch, der menschliche Fluch, endlich ankommen zu wollen. Zurückzukehren. Heim zu kommen. Wir sind lost since paradise. Sehnsucht nach Einheit, Geborgenheit und Abenteuer, Entspannung und Spannung, Sicherheit und Freiheit. Sich zurückwünschen in der Zeit, in der Geschichte, im eigenen Leben. Die gute alte Zeit! Manchmal ist es aber genau gegensätzlich: Wenn Sehnsucht zur Hoffnung wird, dass die Wünsche in der Zukunft in Erfüllung gehen.
Georg Wilhelm Friedrich Hegel hat in der “Phänomenologie des Geistes” das unglückliche Bewusstsein vorgestellt. Der Gegensatz zwischen dem gegenwärtigen Hier, an dem man sich gerade aufhält, aber nicht sonderlich wohlfühlt, und einem nicht gegenwärtigen Dort, das man ersehnt, aber nicht erreicht. Das Bewusstsein eines inneren Widerspruchs. Man findet, was man nicht sucht, und sucht, was man nicht findet: Anders sein wollen in körperlicher, gesellschaftlicher, geistiger oder charakterlicher Beziehung. Sören Kierkegaard spricht bei diesem Bedürfnis von der Krankheit zum Tode , was soviel wie Verzweiflung bedeutet. Wer ist denn schon wirklich zufrieden mit sich selbst? Laut dem Motto “The grass is always greener on the other side!”.
Jean Paul Satre hat zur Sehnsucht auch eine eher nüchterne Einstellung: Der Mensch wird niemals bei sich ankommen können, um endlich Ruhe zu finden. Es liegt nämlich in der menschlichen Natur von grundauf unglücklich zu sein, ohne die Möglichkeit zu besitzen diesen Unglückszustand zu beenden. Am schlimmsten betroffen sind die Romantiker. Bei ihnen vermischt sich Sehnsucht automatisch mit Melancholie. Sie sind der Überzeugung, dass uns nichts so sehr berühren kann, dass wir uns auf Dauer davon erfüllt fühlen können. Aber, obwohl die Sehnsucht dieses Risiko der Melancholie birgt, hören Menschen bestimmte, mit ihrer Sehnsucht verbundene, Musik oder lesen entsprechende Bücher. Selbst Schriftsteller und Künstler weisen immer wieder auf das schöpferische Potenzial der Sehnsucht hin, die sie zu Höchstleistungen animiert habe. Schlussfolgernd ist Sehnsucht also auch der Antrieb zur Verwirklichung von Träumen.
Aber, was wenn die ersehnten Wünsche in Erfüllung gehen? Wer kennt nicht die tiefen Löcher nach einer anstrengenden Zeit, obwohl man das Ziel nun endlich erreicht hat? Wir leben vom Gegensatz. Nur glücklich sein befriedigt uns auf Dauer nicht. Oft tritt bereits im Moment der Erfüllung die Sehnsucht nach dem Neuen schon wieder ein. Ernst Bloch spricht in diesem Zusammenhang von der Melancholie der Erfüllung und Michael Landmann von der Trauer des Gelingens. Das Leben erscheint uns schnell langweilig ohne Herausforderungen. Wir brauchen diese Hochs und Tiefs um intensiv leben zu können. Meist geht mit der Erfüllung eines Wunsches gleichzeitig das Gefühl der Leere einher. Wir verlieren unser angestrebtes Ziel. George Bernhard Shaw warnt deshalb nicht ganz ohne Grund vor der Fallhöhe der Zielerreichung: “Im Leben gibt es zwei Tragödien. Die eine ist die Nichterfüllung eines Herzenswunsches. Die andere seine Erfüllung.”
Die Fatalität liegt eben oft in der Erreichung des erstreben Zieles. Die einhergehende Enttäuschung, dass trotz intensiver Erlebnisse, Höhepunkte, Gipfelsiege und Rekorde immer noch etwas fehlt. Dazu ein Zitat von Thomas Mann: “Ich erwartete Vom Leben das entzückend Schöne und Grässliche, und eine Begierde nach alledem erfüllte mich, eine tiefe angstvolle Sehnsucht nach der weiten Wirklichkeit, nach dem Erlebnis, gleich viel welcher Art. Aber als ich in das Leben hinein trat, voll von dieser Begierde nach einem, einem Erlebnis, das meinen großen Ahnungen entspräche, Gott helfe mir, es ist mir nicht zuteil geworden! Ich bin umhergeschweift, um die gepriesensten Gegenden der Erde zu besuche, um vor die Kunstwerke hinzutreten, um welche die Menschheit mit den größten Wörtern tanz; ich habe davor gestanden und mir gesagt: Es ist schön. Und doch: Schöner ist es nicht? Das ist das Ganze? Ist es nötig, dass ich auch von meinem Glück spreche? Denn auch das Glück habe ich nicht erlebt, auch das Glück hat mich enttäuscht.”
Warum Sehnsucht? Weil es um das Träumeverwirklichen geht. Weil es um das Leben geht. Um lieben und geliebt zu werden. Um Hoffnung und Angst. Um den Menschen. Es geht um Selbstverwirklichung. Feinfühlig, intensiv und verschwommen. Um Weiterentwicklung und das Streben des Menschen nach mehr. Mein persönlicher Weg ist geprägt von dem Wunsch nach ständiger Veränderung bis die Lebensumstände keinen Grund mehr zur Unzufriedenheit bieten. Meine Ausbildung, mein sicherer Job in der Industrie. Ich habe mich für den Traum entschieden mein Abitur nachzuholen und Design zu studieren. Ich habe mich von meiner Sehnsucht leiten lassen und es keine Sekunde bereut. Sehnsucht ist für mich auch das unbestimmte Gefühl noch nicht am Ziel angekommen zu sein. Sehnsucht kann motivieren aber zugleich auch resignieren. Ich will in meiner Arbeit auf all diese ambivalenten Facetten der Sehnsucht eingehen. Ich will das Thema in den versteckten Winkeln unseres Lebens suchen und finden. Das ist mein Projekt.









